Der Anruf kommt meist im Oktober. Ein Mandant Anfang 40, vor zwei Jahren mit großer Begeisterung in einen weltweiten Aktien-ETF eingestiegen, jetzt eine seltsame Mischung aus Scham und Trotz: Er habe alles verkauft. Die Märkte seien zehn Prozent gefallen, und der Bauch habe lauter geschrien als jede Tabelle. Was er nicht wusste, sechs Wochen bevor die Börse drehte: Er war nie der Anlegertyp, für den er sich gehalten hatte.
01 Zwei Waagschalen, ein Konto
Bevor irgendein Euro investiert wird, gehören zwei Begriffe verstanden, die in der Beratungspraxis ständig durcheinandergeworfen werden, und das ist keine semantische Spielerei, sondern die Quelle fast aller späteren Schäden. Die Risikobereitschaft ist Persönlichkeit. Sie sagt, wie gut jemand mit einem rot leuchtenden Depot schlafen kann. Sie ist Bauchgefühl, geprägt durch Biografie, Erfahrungen mit Verlust, das, was die Eltern über Geld erzählten. Sie lässt sich nicht trainieren wie ein Muskel, höchstens nüchtern beobachten.
Die Risikotragfähigkeit dagegen ist Buchhaltung. Sie fragt: Was kann dieser Haushalt verlieren, ohne dass die Miete in Gefahr gerät, das Kind nicht studiert, die Rente zur Mathematik mit Streichposten wird? Sie misst Alter, Anlagehorizont, Einkommensstabilität, Schuldenlast, Notgroschen. Sie ist eine harte Zahl, kein Gefühl.
Bauch = Risikobereitschaft (Persönlichkeit). Geldbeutel = Risikotragfähigkeit (Mathematik). Eine Strategie, die nicht zu beidem passt, hält keine Krise aus.
02 Die fünf Anlegertypen
Die Lehrbuchklassifikation kennt fünf Typen, und sie taugt vor allem dazu, sich selbst nicht vorzumachen, eine Stufe weiter rechts zu stehen, als man wirklich ist.
- ·Sicherheitsorientiert, verzichtet bewusst auf Rendite, akzeptiert real schleichenden Inflationsverlust. Portfolio: 100 % Tagesgeld, Festgeld, Top-Staatsanleihen.
- ·Konservativ, kleine Schwankungen ok, 70–80 % solide Anleihen, 20–30 % defensive Aktien.
- ·Ausgewogen, die goldene Mitte. Klassische 50/50-Aufteilung Aktien/Anleihen, seit Jahrzehnten in Lehrbüchern verteidigt.
- ·Wachstumsorientiert, 70–90 % Aktien, weiß um Krisen, sitzt sie aus, hat Zeit.
- ·Spekulativ, Pennystocks, Hebelprodukte, Krypto-Wetten. Kein Anlegertyp im engeren Sinne, sondern Glücksspiel. Für seriösen Vermögensaufbau ungeeignet.
| Typ | Aktien | Anleihen / Cash | Renditeerwartung | Passend für |
|---|---|---|---|---|
| Sicherheitsorientiert | 0 % | 100 % | ~ Inflation | Kurze Horizonte, sehr niedrige Toleranz |
| Konservativ | 20–30 % | 70–80 % | 2–3 % p. a. | Vorsichtige, kurzer bis mittlerer Horizont |
| Ausgewogen | 40–60 % | 40–60 % | 4–5 % p. a. | Goldene Mitte, mittlerer Horizont |
| Wachstumsorientiert | 70–90 % | 10–30 % | 6–7 % p. a. | Junge Anleger, Horizont 15+ Jahre |
| Spekulativ | 100 % + Hebel | 0 % | unbegrenzt / Totalverlust | Glücksspiel, kein Vermögensaufbau |
03 Drei Wege, das eigene Profil zu finden
Wer wissen will, wo er steht, kombiniert drei Methoden, keine alleine reicht.
- Ehrliche Selbsteinschätzung. Die unbequemste, aber wichtigste: Wie habe ich in der Vergangenheit auf Stress reagiert? Wie würde ich mich tatsächlich fühlen, wenn meine 50.000 € morgen 35.000 € wären?
- Standardisierte Fragebögen. Die WpHG-Bögen der Banken sind gesetzlich vorgeschrieben, sie helfen vor allem, Wünsche von Realität zu trennen. Ehrlich ausfüllen, nicht „so wie ein guter Investor antworten würde".
- Hundert-minus-Lebensalter-Regel. Maximaler Aktienanteil = 100 minus Alter. Mit 30 also 70 % Aktien, mit 60 nur noch 40 %. Grobe Heuristik, kein Gesetz, aber ein sinnvoller Anker.
04 Wenn Bauch und Geldbeutel sich widersprechen
Die spannendste Klientel sitzt im Schnittfeld. Junge Akademiker mit hohem Einkommen, langem Horizont, vorbildlicher Ausgabenstruktur, und einer tief sitzenden Vorsicht, oft ererbt von Eltern, die Anfang der Neunziger die Telekom-Aktie im Wohnzimmer feierten und im Sommer 2003 nicht mehr darüber sprachen. Für sie wäre 70 % Aktien rechnerisch korrekt, emotional aber Brandstiftung.
Der saubere Weg heißt: Strategie nach unten anpassen, bis sie krisenfest wird. Eine 60/40-Allokation aus globalem Aktien-ETF und europäischen Staatsanleihen liegt unter dem rechnerischen Maximum, schwankt deutlich weniger und produziert über lange Zeiträume immer noch eine Rendite, die für die meisten Lebensziele reicht. Der entscheidende Vorteil: Der Anleger hält sie durch.
32 Jahre alt, Tarifangestellte, langer Horizont, Risikotragfähigkeit objektiv hoch. Aber bei 15 % Minus schon nervös. Empfehlung: 60/40 statt 70/30. Etwas weniger Renditechance, deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, in der nächsten Korrektur nicht zu verkaufen.
„Eine Strategie, die in der Krise nicht verkauft wird, ist die einzige, die langfristig Vermögen aufbaut."
05 Der Workshop in drei Stationen
In Folge 24 von Finanzpost.de führt Maik die Mit-Moderatorin Lia durch genau diesen Prozess, und macht damit sichtbar, was im Beratungsgespräch oft eine halbe Stunde dauert. Drei Stationen, drei Erkenntnisse, am Ende eine konkrete Asset-Allocation.
Station eins ist der Schlaf-gut-Test: Drei eskalierende Verlust-Szenarien (−2 %, −30 %, −50 %), spontane Antwort, kein Nachdenken. Wer bei −30 % zum Verkaufen-Knopf greift, hat eine niedrigere Risikobereitschaft, als die nüchternen Zahlen vermuten lassen, egal wie lang der Anlagehorizont ist. Station zwei ist der Finanz-Check: fünf schnelle Fragen zu Anlagehorizont, Einkommensstabilität, Schulden, Notgroschen und Kenntnisstand. Hier zeigt sich die objektive Risikotragfähigkeit, oft deutlich höher als der Bauch zulässt.
Station drei ist die Synthese, und der ehrlichste Teil. Wenn Bauch und Geldbeutel sich widersprechen, gewinnt am Ende immer der Bauch. Nicht weil er recht hat, sondern weil er die Hand am Verkaufsknopf hat. Die Empfehlung an Lia in der Folge: 60/40 statt der rechnerisch möglichen 70/30. Kein Verlust an Strategie, ein Gewinn an Durchhaltevermögen. Wer den Workshop einmal erlebt, egal ob im Audio-Format oder schriftlich, kommt mit einer Zahl heraus. Und genau diese Zahl trägt jede künftige Entscheidung.
Folge 24 von Finanzpost.de mit Maik Marx und Lia (~26 Minuten). Erscheint am Mittwoch, 10. Juni 2026 um 8 Uhr, auf Apple Podcasts, Spotify, Podigee und allen anderen großen Plattformen.
06 Was bleibt
Das Risikoprofil ist kein Etikett, das einmal vergeben und nie wieder angefasst wird. Es verschiebt sich mit jedem Lebensjahrzehnt, mit jeder durchlebten Korrektur, mit jeder Familienphase. Wer in den Dreißigern bei 60/40 startet und in fünf Jahren feststellt, dass die Volatilität ihn kalt lässt, kann den Aktienanteil nachjustieren, als Folge der eigenen Erfahrung, nicht eines Trends.
Der einzige Fehler, der jede Strategie zerlegt, ist der, sie aus Panik zu verlassen. Wer das verhindern will, beginnt nicht mit der Frage, wie viel Rendite möglich ist. Er beginnt mit der Frage, wie viel Verlust er aushält, gemessen am Bauch und am Geldbeutel zugleich.
Take-Aways.
- →Risikobereitschaft (Bauch) und Risikotragfähigkeit (Geldbeutel) sind zwei verschiedene Dinge, und müssen beide passen.
- →Fünf Anlegertypen: sicherheitsorientiert, konservativ, ausgewogen, wachstumsorientiert, spekulativ.
- →Drei-Wege-Profilermittlung: ehrliche Selbsteinschätzung + WpHG-Fragebogen + Hundert-minus-Lebensalter.
- →Bei Widerspruch zwischen Bauch und Geldbeutel: Strategie nach unten anpassen, bis krisenfest.
- →Eine Strategie, die in der Krise nicht verkauft wird, ist die einzige, die langfristig funktioniert.